VON Anna Gmeyner / 12.03.-26.04.22

AUTOMATENBüFETT

Eine Koproduktion von
Verein Freie Volksbühne / Theater IM BAUTURM / Volksbühne am Rudolfplatz

Anna Gmeyner

© Persona Verlag

ZUR AUTORIN

Die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Anna Gmeyner (1902-1991) liest sich bisweilen wie eine Detektivgeschichte: Ihre Spuren zu finden ist Mitte der 1980er Jahre so kompliziert, dass sich die die Mannheimer Verlegerin Lisette Buchholz gezwungen sieht, eine Anzeige im Journal der Association of Jewish Regfugees aufzugeben. Ihr Kontaktaufruf an „anyone with information about the german exile writer Anna Gmeyner“ ist jedoch von Erfolg gekrönt und es gelingt ihr, die zurückgezogen lebende Schriftstellerin in einem Seniorenheim im nordenglischen York aufzuspüren. Nach ihrer Emigration im Jahr 1935 zieht sich Anna Gmeyner sukzessive aus der Öffentlichkeit zurück und veröffentlicht vorrangig spirituelle Texte unter dem Namen Anna Morduch. Dabei führt sie zuvor ein atemloses Leben, bei dem sie mit etlichen Kulturgrößen der Weimarer Republik in engen Kontakt kommt.

1902 in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus in Wien geboren, kennt Anna Gmeyner schon früh ihr Ziel: „Von Kindheit auf ist sie entschlossen, berühmt zu werden“ schreibt sie über sich selbst in einer autobiographischen Skizze von 1933. „Sooft sie am Wiener Burgtheater vorüberkommt, fragt sie, wie es möglich sei, dort ein Stück unterzubringen. Mit sieben Jahren beginnt sie bereits einer alten Tante ihre Memoiren zu diktieren.“ Die 1920er Jahre sind die große Zeit des politischen Theaters und so meldet sich Anna Gmeyner auch zuerst mit einem entschieden zeitgeschichtlichen Stoff zu Wort: Heer ohne Helden, ihr 1929 in Dresden uraufgeführtes Erstlingsdrama, behandelt den großen Streik schottischer Grubenarbeiter, den sie 1926 als Augenzeugin beobachtet hat. Die Musik zum Schlusschor steuert kein Geringerer als Hanns Eisler bei, später erscheint die Vertonung als Lied der Bergarbeiter in der Interpretation von Ernst Busch als Schallplatte.  

Auch Anna Gmeyners zweites Stück widmet sich dem Milieu der Arbeiterinnen und Arbeiter: Zehn am Fließband wird von der Agitprop-Truppe der Internationalen Arbeiterhilfe als Tourneetheater bis in die Sowjetunion verbreitet. Im Premierenjahr 1931 kann Anna Gmeyner bereits auf neue Erfahrungen als Dramaturgin bei Erwin Piscator zurückblicken, der zentralen Gestalt des politischen Theaters in der Weimarer Republik. Zum Zeitpunkt der Uraufführung des Automatenbüfetts am Hamburger Thalia-Theater (25. Oktober 1932) ist sie zwar nicht berühmt, aber doch im Kulturleben der Weimarer Republik bestens vernetzt. Ihr letzter großer Auftrag vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist die Mitarbeit am Drehbuch für die Don Quijote-Verfilmung des Dreigroschenoper-Regisseurs Georg Wilhelm Pabst. Automatenbüfett läuft noch in den ersten Monaten des Jahres 1933 im Berliner Theater der Schauspieler, dann kommt es in den Vorstellungen zu inszenierten Krawallen und Überfällen, die zur Absetzung des Stücks führen. Am Schauspielhaus Zürich, der zentralen Bühne exilierter deutscher Theaterkünstler, kommt das Stück 1933 unter dem Titel Im Trüben fischen noch einmal zur Aufführung. Therese Giehse spielt dabei die Rolle der Frau Adam.

1935 emigriert Anna Gmeyner mit ihrem Mann, dem russischen Philosophen Jascha Morduch nach England. Ihr erfolgreicher und heute noch erhältlicher Roman Manja. Roman um fünf Kinder, in dem sie die langsame Ausbreitung der nationalsozialistischen Ideologie zwischen 1920 und 1934 an der Geschichte einer Kinderbande erzählt,wird 1938 von den Nazis auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. 1940 schreibt Anna Gmeyner das Drehbuch für den ersten englichen Anti-Nazi-Film Pastor Hall (nach Ernst Toller), 1941 folgt der Exilroman Café du Dôme, der allerdings nur noch in englischer Übersetzung und unter dem Pseudonym Anna Reiner erscheinen kann. Nach Jahrzehnten weitgehender Vergessenheit wird das Werk Anna Gmeyners nun langsam wiederentdeckt und vermehrt in den Spielplänen deutschsprachiger Theater repräsentiert. Barbara Freys Inszenierung des Automatenbüfetts am Wiener Burgtheater wird 2020 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Bis zuletzt lebte Anna Gmeyner im englischen York, wo sie 1991 starb.